Shiatsu im Massagesessel: Herkunft, Technik und was der Sessel kann
Michael Roedeske
Inhaber der Massagesessel Welt
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Shiatsu heißt wörtlich Fingerdruck. Der Begriff taucht 1928 zum ersten Mal in einer japanischen Medizinpublikation auf, die Technik selbst ist älter und geht auf die chinesische Medizin zurück. Ihre moderne Form bekam sie in den 1920er Jahren durch Tokujiro Namikoshi, der fernöstliche Akupressur mit westlichen Massagegriffen verband. Das von ihm gegründete Japan Shiatsu College unterrichtet seit 1940 in Tokio und besteht bis heute.
Was Shiatsu von anderen Massagen unterscheidet
Es wird nicht gerieben und nicht geknetet. Gearbeitet wird mit senkrechtem Druck, klassisch mit den Daumen, dazu mit Fingern und Handballen. Der Druck wird aufgebaut, gehalten und wieder gelöst, an Punkten entlang der Meridiane, wie sie die chinesische Medizin beschreibt.
Der zweite Unterschied ist praktisch: Shiatsu wird traditionell in Kleidung gegeben, ohne Öl, oft auf einer Matte am Boden. Es geht um Druck, nicht um das Gleiten über die Haut.
Wie eine Behandlung beim Therapeuten abläuft
Eine Sitzung dauert meist 50 bis 60 Minuten. Am Anfang steht ein Gespräch über Beschwerden und Lebenssituation, danach folgt bei vielen Richtungen die Hara-Diagnose: Der Therapeut tastet den Bauch ab, weil dort nach der Lehre die zwölf Hauptmeridiane ihren Ausgang nehmen. Manche arbeiten zusätzlich mit dem Puls.
Anschließend wird gearbeitet, in Kleidung und meist auf einer Matte am Boden. Der Therapeut ertastet die Spannungsmuster und geht dann die Meridiane entlang: Druck halten, kreisen, dehnen, wieder loslassen. Gedrückt wird mit Daumen und Handballen, je nach Körperstelle auch mit Ellbogen, Knien oder Füßen, und der Druck wird laufend an das angepasst, was der Behandelte zurückmeldet. Am Ende folgen fünf bis zehn Minuten Nachruhe.
Für eine spürbare Wirkung empfehlen Therapeuten meist eine Serie von fünf bis zehn Sitzungen, danach Erhaltungstermine alle vier bis acht Wochen. Das ist der Kostenpunkt, an dem viele Menschen anfangen, über einen Sessel nachzudenken.
Die Meridiane
Shiatsu arbeitet mit dem Bild von Energiebahnen, den Meridianen, die aus der chinesischen Medizin stammen. Zwölf Hauptmeridiane verbinden nach dieser Vorstellung Organe, Muskeln und Knochen, und in ihnen fließt Qi. Blockaden in diesen Bahnen gelten als Ursache von Beschwerden, gelöster Druck als Weg, sie zu beheben.
Man muss dieses Modell nicht teilen, um von der Behandlung etwas zu haben. Die Punkte, die Shiatsu anläuft, liegen zu einem großen Teil dort, wo auch die westliche Anatomie Muskelansätze und Triggerpunkte verortet. Namikoshi selbst hat westliche Anatomie ausdrücklich in seine Lehre aufgenommen.
Was die Forschung sagt
Ein systematischer Überblick über Shiatsu- und Akupressurstudien kommt zu einem zweiteiligen Ergebnis. Die deutlichsten Hinweise auf Wirksamkeit gibt es bei Schmerz, allen voran im unteren Rücken, dazu bei der Schlafqualität älterer Menschen in Pflegeeinrichtungen.
Die Einschränkung gehört dazu: Belastbar ist vor allem die Datenlage zur Akupressur, mit Metaanalysen und Dutzenden kontrollierten Studien. Für Shiatsu im engeren Sinn ist sie dünn, die Autoren nennen sie ausdrücklich unzureichend in Menge und Qualität. Und untersucht wurde jeweils die Behandlung durch Menschen, nicht durch Massagesessel. Wer Ihnen erzählt, ein Sessel sei nachweislich wirksam, geht über diese Unterscheidung hinweg.
Wie ein Massagesessel Shiatsu umsetzt
Ein Sessel hat keine Daumen. Was er nachbildet, ist das Prinzip: punktueller, senkrechter Druck, der gehalten wird, statt über den Rücken zu streichen.
Dafür fahren die Massageköpfe an eine Stelle, drücken in die Tiefe und bleiben dort. Bei Sesseln mit 3D-Technik lässt sich einstellen, wie weit sie hineinfahren; die Dauer je Punkt steuert das Programm. Modelle mit Körperscan legen die Punkte nicht starr fest, sondern richten sie an Ihrer Schulterhöhe und dem Verlauf Ihrer Wirbelsäule aus. Fujiiryoki hat für diese Genauigkeit die Zwei-Kugel-Mechanik entwickelt: Zwei Köpfe kommen in die Rinne zwischen den Schulterblättern, wo vier nebeneinander nicht hineinpassen.
Was der Sessel nicht kann: auf das reagieren, was ein Therapeut unter den Händen spürt und im Gespräch erfährt. Er arbeitet die Punkte ab, die das Programm vorsieht. Sessel mit Drucksensor kommen dem näher, weil sie den Gegendruck des Muskels messen und die Kraft anpassen. Ein Shiatsu-Therapeut ersetzt das nicht.
Akupressur, Akupunktur, Shiatsu
Die Begriffe werden durcheinandergeworfen. Akupunktur arbeitet mit Nadeln, Akupressur mit Druck auf dieselben Punkte, Shiatsu ist die japanische Ausformung der Druckvariante, ergänzt um Dehnungen und um westliche Anatomie. Wenn ein Sessel mit Akupressur wirbt, meint er in aller Regel dasselbe wie mit Shiatsu: punktuellen Druck statt streichender Bewegung.
Wofür sich Shiatsu-Programme eignen
Für feste Stellen, die man genau benennen kann. Wer sagen kann, wo es sitzt, ist mit Shiatsu besser bedient als mit einem Programm, das den ganzen Rücken gleichmäßig bearbeitet. Für großflächige Lockerung sind Kneten und Klopfen die passenderen Techniken.
Ehrlich bleibt: Shiatsu im Sessel ersetzt keine Behandlung durch einen Therapeuten und keine Physiotherapie. Es ergänzt sie, dafür täglich und ohne Termin.
Selbst ausprobieren
Ob Ihnen der punktuelle Druck liegt, merken Sie in den ersten Minuten. Manche Menschen empfinden ihn als wohltuend genau, andere als zu direkt. In unseren Ausstellungen fahren Sie die Shiatsu-Programme mehrerer Marken nacheinander durch: Probesitzen und testen.
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